„Hufrehe ist nicht gleich Hufrehe” — eine Tierärztin erklärt

Hufrehe ist nicht gleich Hufrehe — das weiß ich nicht nur aus dem Studium, sondern auch aus meiner tierärztlichen Tätigkeit und eigener, schmerzlicher Erfahrung. Welche Pferde besonders gefährdet sind, woran du es erkennst und welche Rolle Gras dabei spielt: hier kommt alles, was du wissen musst.

Autorin: Viviane Drost, Tierärztin

Viviane Drost ist Tierärztin mit einem Herz für blinde Pferde. Zu Hause hat sie den blinden 27-jährigen Appaloosa Mighty und den blinden Araber Castello mit neurologischer Erkrankung.

Neben ihrer tierärztlichen Tätigkeit bietet Viviane Reitunterricht, Futterberatung und Unterstützung bei Problempferden an. Auf Instagram teilt sie ihren Alltag mit Pferden, die andere bereits aufgegeben hätten.

@blindhorsemanship

Es gibt nicht die eine Hufrehe.

Die sogenannte Laminitis ist per Definition zwar eine Entzündung der Huflederhaut, doch die Ursachen sind vielfältig, die therapeutischen Möglichkeiten jedoch oft stark eingeschränkt. Von der Belastungsrehe über die Geburtsrehe bis hin zur futterinduzierten Rehe – und damit ist gerade mal ein Bruchteil der verschiedenen Reheformen genannt.

Die Forschung ist zwar auf dem Vormarsch, doch viele wichtige Zusammenhänge sind noch immer nicht vollständig geklärt. Hat man früher noch gesagt, dass man den Rehehuf keiner starken Kälte aussetzen sollte, da dies die Durchblutung stört, weiß man heute, dass die Kryotherapie gerade in den ersten Tagen eines Reheschubs unerlässlich ist – gerade weil sie die Durchblutung stört und so die schädlichen Entzündungsmediatoren nur schlecht an die empfindlichen Lamellen des Pferdehufs gelangen können.

Das Shetlandpony „Smartie“ meiner Mutter mussten wir erst letztes Jahr aufgrund chronischer Rehe mit Hufbeinabsenkung erlösen. Der Auslöser der Erkrankung war eine Insulinresistenz im Rahmen des Equinen Metabolischen Syndroms (EMS), doch der verschlimmernde Faktor war der hohe Fruktangehalt im Gras.

Fruktan ist ein spezieller Mehrfachzucker, der hauptsächlich aus Fruktose besteht. Im Gegensatz zu Glukose-Ketten lassen sich Fruktose-Ketten jedoch nicht im Dünndarm spalten. Stattdessen gelangen sie in den Dickdarm, wo eine zu hohe Menge an Fruktan zu einer Dysbiose führt. Die Darmflora gerät aus dem Gleichgewicht, gutartige Bakterien sterben ab und freigesetzte Toxine gelangen über die geschädigte Darmbarriere ins Blut, wo sie eine systemische Entzündungsreaktion auslösen. Durch das Blut werden die Toxine und Entzündungsmediatoren bis an die empfindliche Huflederhaut getragen, wo sie die Mikrozirkulation stören und die lamellare Verbindung zerstören, was in chronischen Fällen schließlich zur beängstigenden Hufbeinabsenkung führt.

Das Problem: Der Fruktangehalt im Gras ist hochdynamisch und wird von Faktoren wie Sonneneinstrahlung, Temperatur, Wasserverfügbarkeit und Tageszeit beeinflusst. Für Pferdehalter ist das Risiko daher oft nur schwer einschätzbar, weshalb sie ihre Pferde zur Sicherheit lieber gar nicht mehr auf die Weide lassen.

Für diejenigen, die es etwas genauer wissen möchten

Das Pferd besitzt keine Enzyme, die in der Lage sind Fruktose-Ketten zu spalten, einige Bakterien – vor allem die Milchsäurebildner im Dickdarm – hingegen schon. Nicht nur das; sie nutzen das Fruktan als schnelle Energiequelle, was bei zu viel Fruktan dazu führt, dass sie sich explosionsartig vermehren. Ein moderates Level an Milchsäure im Dickdarm ist unproblematisch, sogar gesund, doch zu viel führt dazu, dass der pH-Wert im Darm sinkt. Es kommt zur Übersäuerung, wodurch viele andere gutartige Bakterien absterben, wodurch wiederum Endotoxine frei werden, die schließlich in die Blutbahn gelangen. Der Körper setzt Entzündungsmediatoren frei, um die Toxine zu bekämpfen. In diesem Zusammenhang kommt es zu einer sogenannten Vasodilatation und einer erhöhten Gefäßpermeabilität. Das bedeutet nichts anderes, als dass sich die Gefäße weiten und sie durchlässiger werden. Je weiter die Gefäße, desto mehr Blut gelangt an den Entzündungsherd und damit auch mehr von den Immunzellen, die durch die Entzündungsmediatoren angelockt wurden. Und durch die durchlässigere Gefäßwand gelangen sie schneller und besser an den Ort des Geschehens. Im Grunde ist das ein super Schutzmechanismus des Körpers, der jedoch im Huf für große Probleme sorgt, denn der Huf fungiert als feste, geschlossene Kapsel und wenn in jener der Druck zu stark ansteigt, dann schädigt dies die empfindlichen Lamellen der Huflederhaut, die wiederum als Aufhängung des Hufbeins fungieren. Im schlimmsten Fall kann es also zu einer Hufbeinabsenkung, bis hin zu einem Durchbruch kommen.

Welche Pferde für Rehe besonders gefährdet sind, lässt sich nicht pauschal festlegen, denn wie bereits erklärt, ist Rehe vielseitig. Besonders empfindlich für stoffwechsel- und fruktanbedingte Rehe sind Ponys. Sie wurden über viele Jahrhunderte hinweg für Gegenden gezüchtet in denen Nahrung eher mau ausfällt. Die Shetlandponys waren zum Beispiel auf den kargen Shetlandinseln zuhause, die Welsh-Ponys in Wales in den steinigen Gebirgen und die Islandpferde im kalten Island. Daher legen Ponys schneller an Gewicht zu als andere Pferde. Ihr Stoffwechsel arbeitet einfach zu effizient und ist damit einfach nicht geschaffen für saftiges, energiereiches Gras. So sind sie anfälliger für EMS und auch empfindlicher gegenüber Fruktan. Aber nicht nur Ponys können an Hufrehe erkranken. Höhergewichtige Pferde mit eher kleinen Hufen, Pferde mit schlechter Hufqualität oder Pferde, die ein verletztes Bein schonen und das Gewicht anstatt auf 4 nur auf 3 Beine verteilen, erkranken gerne an sogenannter Belastungsrehe. Für futterbedingte Rehe hingegen (die fruktanbedingte Rehe miteingeschlossen), sind eher Ponys, übergewichtige oder ältere Pferde, an PPID (früher Cushing) erkrankte Pferde oder Magen-Darm-Patienten prädisponiert.

Falls dein Pferd also plötzlich oder immer mal wieder lahm geht, die Hufe warm sind oder sogar pulsieren, dann konsultiere am besten deinen Tierarzt. Nach der Behandlung des akuten Schubs, wird er dir am besten sagen können, ob dein Rehepferd und wenn ja wie lange es auf die Weide raus darf.

© Mareike Theis

Ich halte die App „Weidewetter“ für einen guten Kompromiss zwischen Boxenknast und immer wiederkehrenden, fruktanbedingten Hufreheschüben. Sie bietet die Möglichkeit, die Bauchschmerzen der Besitzer etwas zu lindern, die ihren erkrankten Pferden trotz alledem ein möglichst artgerechtes Leben bieten möchten.

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